Wann Großbuchstaben verwenden? Meistens lieber nicht

Nimm Großbuchstaben für Abkürzungen und Akronyme, für sehr kurze Beschriftungen, wenn dein Design es verlangt, für Rechtstexte, die auffallen müssen, und für Konstanten und Platzhalter im Code. Fast überall sonst (Absätze, lange Überschriften, Betonung innerhalb eines Satzes) leistet gemischte Groß- und Kleinschreibung mehr. Text in Großbuchstaben liest sich in größeren Mengen langsamer, und schon seit mindestens Mitte der 1990er-Jahre gilt er als Geschrei.
Was die Leseforschung über Großbuchstaben sagt
Oft liest man, Großbuchstaben seien langsamer zu lesen, weil Wörter ihre Form verlieren. Die erste Hälfte stimmt, die Erklärung ist wackeliger. Kevin Larson, ein Leseforscher aus dem ClearType-Team von Microsoft, hat die Belege in The Science of Word Recognition ausgewertet. Schon in Woodworths Lehrbuch von 1938 wird über entsprechende Forschung berichtet, und spätere Studien von Smith (1969) und Fisher (1975) fanden, dass Menschen Passagen in Kleinbuchstaben zuverlässig schneller lesen, und zwar um etwa 5 bis 10 Prozent.
Larsons Pointe: Der Abstand ist ein Übungseffekt, kein Formeffekt. Wir lesen weit häufiger Kleinbuchstaben, und wer viel Text in Großbuchstaben lesen muss, wird darin schneller. Die meisten Leseforscher gehen laut Larson davon aus, dass wir Wörter an ihren Buchstaben erkennen und nicht am Umriss, den ein Wort bildet. Die praktische Lehre ist also enger als der Mythos: Eine Beschriftung aus zwei Wörtern in Großbuchstaben ist keine echte Last, aber ein Absatz in Großbuchstaben bremst fast alle aus, weil kaum jemand darin Übung hat.
Großbuchstaben wirken wie Geschrei, und das seit Jahrzehnten
RFC 1855, die im Oktober 1995 veröffentlichten „Netiquette Guidelines“, sagt es unmissverständlich: „Use mixed case. UPPER CASE LOOKS AS IF YOU'RE SHOUTING.“ (Schreib in gemischter Groß- und Kleinschreibung. GROSSBUCHSTABEN WIRKEN, ALS WÜRDEST DU SCHREIEN.) Drei Jahrzehnte später ist dieser Eindruck nicht verblasst. Der Microsoft Writing Style Guide ist genauso deutlich: Setz Großbuchstaben nicht zur Hervorhebung ein. Eine Betreffzeile in Großbuchstaben oder ein einzelner großgeschriebener Satz in einer Support-Antwort kann wie Wut wirken, egal, was du damit meinst.
Wann Großbuchstaben die richtige Wahl sind
Abkürzungen und Akronyme
NASA, HTML, PDF, USB, FAQ: Diese schreibt man üblicherweise in Großbuchstaben, und kleingeschrieben sehen sie aus wie ein Tippfehler. An den Rändern unterscheiden sich die Styleguides allerdings. Der AP-Stil etwa schreibt im Englischen einen Firmennamen nur dann komplett in Großbuchstaben, wenn die Buchstaben einzeln gesprochen werden, sodass du BMW bekommst, aber Ikea. Steckt dein Text voller Akronyme, prüfe, wie dein Styleguide mit denen umgeht, die wie ein Wort gesprochen werden.
Kurze Beschriftungen in einer Oberfläche
Dachzeilen über Überschriften, Spaltenköpfe in Tabellen und kleine Badges („NEW“, „BETA“) sind die Orte, an denen sich Großbuchstaben ihren Platz verdienen: Sie geben ein paar Zeichen in kleiner Größe Präsenz. Halte sie bei einem bis drei Wörtern. Zwei typografische Gewohnheiten helfen. Gib den Großbuchstaben etwas Laufweite, denn bei normalem Abstand wirken sie gedrängt. Und stehen Akronyme mitten im Fließtext, überlege dir Kapitälchen (CSS font-variant-caps: all-small-caps), damit sie die Wörter ringsum nicht überschreien.
Sind die Großbuchstaben eine Designentscheidung, setze sie per CSS statt im Text. Schreib „New“ und gestalte es mit text-transform: uppercase. Darunter bleiben die Wörter in normaler Schreibweise, ein späteres Redesign ist dann eine Änderung von einer Zeile im Stylesheet statt einer Suche durch jeden String im Produkt. Unser Beitrag zu Großbuchstaben und Barrierefreiheit geht auf die Barrierefreiheit genauer ein.
Rechtstexte, die auffallen müssen („conspicuous“)
Nach dem US-amerikanischen Uniform Commercial Code muss ein schriftlicher Ausschluss der stillschweigenden Gewährleistung der Marktgängigkeit (implied warranty of merchantability) „conspicuous“ (deutlich hervorgehoben) sein (§ 2-316), und die Definition von „conspicuous“ im Code (§ 1-201(b)(10)) umfasst „a heading in capitals equal to or greater in size than the surrounding text“ (eine Überschrift in Großbuchstaben, die mindestens so groß ist wie der umgebende Text). Das ist die übliche Erklärung für die Großbuchstaben in den Gewährleistungsabschnitten von Softwarelizenzen. Die MIT-Lizenz zum Beispiel endet mit einem Absatz, der mit „THE SOFTWARE IS PROVIDED 'AS IS', WITHOUT WARRANTY OF ANY KIND.“ beginnt (Die Software wird „wie besehen“ und ohne jede Gewährleistung bereitgestellt).
Dieselbe Definition lässt auch größere Schrift oder eine kontrastierende Schrift, Schriftart oder Farbe zu. Großbuchstaben sind also eine Möglichkeit, eine Klausel hervorzuheben, aber nicht die einzige. Geht es um deinen eigenen Vertrag, gehört die Frage an eine Anwältin oder einen Anwalt und nicht in deinen Styleguide.
Konstanten, Umgebungsvariablen und Platzhalter
Im Code bedeuten Großbuchstaben meist: Dieser Wert ändert sich nicht. Pythons PEP 8 beschreibt Konstanten als „written in all capital letters with underscores separating words“ (in Großbuchstaben geschrieben, wobei Unterstriche die Wörter trennen), mit MAX_OVERFLOW und TOTAL als Beispielen. Umgebungsvariablen folgen derselben Gewohnheit (NODE_ENV, DATABASE_URL). Der Google developer documentation style guide setzt Platzhalter in Großbuchstaben, also die Teile eines Befehls, die der Leser durch seinen eigenen Wert ersetzt:
cp SOURCE_FILE DESTINATION_FOLDERUnser Spickzettel zu Namenskonventionen behandelt CONSTANT_CASE und den Rest der Familie.
Wann die Feststelltaste aus bleibt
- Fließtext. Alles, was länger als eine oder zwei Zeilen ist. Leser werden langsamer, und einen Block aus Großbuchstaben nach dem einen wichtigen Satz zu überfliegen, ist mühsam.
- Lange Überschriften. Eine Überschrift aus sechs Wörtern in Großbuchstaben ist ein Designstatement. Eine mit vierzehn Wörtern ist eine Wand.
- Betonung innerhalb eines Satzes. Kursivschrift oder Fettdruck leisten das, ohne die Stimme zu heben. Die Möglichkeiten vergleichen wir in Text hervorheben: wann kursiv, fett oder in Großbuchstaben.
- Namen, die keine Akronyme sind. Eine Firma, die ihr Logo in Großbuchstaben setzt, will nicht unbedingt, dass du ihren Namen im Satz genauso schreibst. Schau in ihre eigenen Pressematerialien, dann in deinen Styleguide.
Großschreibung lässt sich nicht immer umkehren
Eine Umwandlung der Schreibweise kann Informationen vernichten, besonders außerhalb des Englischen. Das deutsche ß hat im Alltag traditionell keinen Großbuchstaben, deshalb macht die meiste Software (JavaScript und damit auch unser Konverter eingeschlossen) aus „Straße“ „STRASSE“. Wandelst du das wieder in Kleinbuchstaben um, bekommst du „strasse“ und nicht das ursprüngliche Wort. Ein großes ẞ gibt es in Unicode zwar, aber die Standardzuordnung liefert es nicht.
Das Türkische kennt das i mit und ohne Punkt als getrennte Buchstaben. Der Großbuchstabe zu „i“ ist „İ“ und der Kleinbuchstabe zu „I“ ist „ı“, deshalb schreibt eine allgemeine Großschreibungsfunktion „ISTANBUL“, wo ein türkischer Leser „İSTANBUL“ erwartet. ConvertCaseHQ wendet die türkischen Regeln an, wenn du die Seite auf Türkisch nutzt, und sonst die allgemeine Unicode-Zuordnung. Wandelst du Namen für eine Datenbank oder ein gedrucktes Namensschild in Großbuchstaben um, heb die ursprüngliche Version in gemischter Schreibweise ebenfalls auf; sie lässt sich nicht immer wiederherstellen.
Text reparieren, der in Großbuchstaben angekommen ist
Alte Datenbankexporte, Formulare, die mit eingeschalteter Feststelltaste ausgefüllt wurden, ein Altsystem, das nur Großbuchstaben speichert: Du musst nichts davon neu tippen. Füge den Text in unseren Konverter für Groß- und Kleinschreibung ein und wähle Satzform (Sentence Case). Sie schreibt alles klein und den ersten Buchstaben jedes Satzes groß, sodass aus dem englischen Text „WE USE NASA DATA. I THINK IT HELPS.“ der Text „We use nasa data. I think it helps.“ wird. Setze dann wieder ein, was der Konverter nicht wissen kann: Namen, Akronyme und das englische Pronomen „I“, wenn es mitten im Satz steht.
Ein kurzer Test, bevor du zur Feststelltaste greifst
- Ist es ein Akronym, eine Code-Konstante oder ein Platzhalter? Nimm Großbuchstaben.
- Ist es eine Beschriftung aus höchstens drei Wörtern, und sind Großbuchstaben eine Designregel, die du überall anwendest? Nimm Großbuchstaben, per CSS gesetzt.
- Verlangt ein Gesetz oder ein Vertrag, dass der Text auffällt? Großbuchstaben sind eine Option; frag, wer für den Rechtstext zuständig ist.
- Ist es etwas anderes? Nimm gemischte Schreibweise und lass deine Wörter das Betonen übernehmen.


